Im Moment sind alle YIPies in der Welt verstreut und sind losgezogen um an verschiedenen Orten und in ganz anderen Kulturen Erfahrungen zu sammeln und zu sehen, wie andere ihre Initiativen in die Tat umsetzten. Nach einer Woche intensiver Vorbereitung in Jaerna bin ich los nach Sizilien. Eigentlich wollte ich nach Nepal aber ich habe mich dann entschieden keinen Reisepass zu beantragen und habe verschiedenste Kontakte nach Palermo geknuepft: zwei Projekte und drei Privatpersonen. In der Woche der Vorbereitung hiess es dann, dass ich nicht zu dem Projekt kommen kann und es liess sich auch nichts organisieren. Dann wurde es spannend: Ich entschied mich dazu einfach loszuziehen und zu sehen was kommen wird; Mit dem Gedanke, dass ich durch meinen Focus, der sich in YIP herausgebildet hat, der Focus auf soziale Entwicklung mit der Frage nach dem Menschen und mit der Achtsamkeit fuer die Umwelt, dass ich damit Menschen "anziehen" werde und mit meinen Themen in Kontakt komme und ich mich dadurch mit neuen Erfahrungen bereichern und weiterbringen kann.
Seit dem 28. Maerz bin ich also hier in Palermo und treffe tatsaechlich auf spannende Menschen, auf meine Themen und auch auf neue Fragestellungen. Ich besuche jeden Tag verschiedene Initiativen und habe Treffen mit unterschiedlichen Leuten. Am Anfang war ich oft in einer Organisation, die sich gegen die "Mafia-Steuer" (il Pizzo) einsetzt, spaeter dann kam ich in Kontakt mit einem Imigrantenzentrum und besuche dort nach einem Gespraech mit dem Leiter die Italienischkurse und habe dadurch die Moeglichkeit mit den Menschen gleich zu sein und in sehr ehrliche Gespraeche zu gehen.
Es passieren hier taeglich vspannende Situationen und Palermo ist eine interessante Stadt, da manche hier Sizilien als "Entwicklungsland in Europa" bezeichnen und ich die Beobachtung mache, dass man dadurch die Realitaeten irgendwie staerker erlebt. Es gibt sicher aehnliche Herausforderungen ueberall in Europa, aber hier sieht man sie extrem und irgendwie eindeutiger.
Hier erzahle ich jetzt nicht von einer der Stories aus den Initiativen, sondern gebe hier eine ganz frische Geschichte von gestern aus Palermo zu lesen!
"Die echte Oper"
Ich hatte so Etwas wie einen freien Tag und hatte am Morgen lust ein Konzert zu heoren und habe dann im Internet gefunden, dass im Theatro Massimo eine fuer Studeten offene Opern Probe stattfinden sollte. Ich bin dann also nach langem Wohnungputzen (die Wohnung von Antonio, bei dem ich schlafe) losgegangen mit Bus und zufuss und war schoen puenktlich da aber das ganze Theater war zu. Ich bin dann einmal drum herum gelaufen. So beim laufen, kam mir (noch unbegruendet) der Wunsch, dass die Auffuehrung nicht stattfindet...ich fragte mich was das denn jetzt fuer ein Gefuehl sei, ich hatte mir doch morgends noch Musik gewuenscht, und ich fragte mich ob es nicht einfach nur Faulheit sei und, dass ich nachher froh sein wuerde dagewesen zu sein. Als ich wieder am Eingangstor stand, sass da ein vieleicht fuenfzig jaehriger Mann in grosser abgenutzter Winteracke, offen und mit einer dicken fellbesetzten Kaputze und rauchte eine Zigarette. Ich wunderte mich was los ist, und warum das Haus geschlossen sei und fragte ihn ob da heute nicht eigentlich diese Probe stattfinden sollte. Nein, er wundere sich nicht, da Ostermontag ist und hier in Sizilien heute alles wie ausgestorben ist und die Menschen mit Familie und Freunden Ostern feiern. Weil mein Italienisch hoechstens feur den ersten Satz ausreicht und dann in Bruchstuecke zerfaellt, ist sofort klar, dass ich von woanders her komme... Er ist Palermitaner und als er hoert, dass ich aus Deutschland komme, ist er begeistert und faengt an ueber Bach , Bethoven und Mozart zu sprechen und und ueber die Musik, wo seine Augen zu leuchten beginnen. Ich weiss was er meint und kann wieder mit Gesten und englischem Italienisch mitreden. Wir beide lieben Musik. Bald frage ich ihn ob er ein Instrument spielt...>si, pianoforte< anwortet er. Ich erzaehle ihm, dass ich Querfloete spiele und frage ob er manchmal hier Konzerte gebe... da wir ja noch vor dem grossen Theater stehen sagt er, dass man hier nur spielen kann, wenn mann in den ganz grossen Hallen, wie Frankfurth oder so gespielt hat. >Die hoeren nicht auf dein Spiel, die wollen nur grosse Namen<. Nach einer Weile will er wissen ob ich Floete studiere, und ihm gefaellt meine Antwort, dass ich nur zum Spass spiele, aber frueher viel Wettbewerbe gesielt habe. Er auch, sagt er. Er war der erstbeste Pianist Italiens! Ich war gar nicht ueberrascht und unser gesproech geht ganz normal weiter aber irgendwann frage ich ihn, ob es hier nicht irgendwo ein Klavier gebe. Er ueberlegt und macht dann eine Geste zu mir mitzukommen, und wir befinden uns auf der Suche nach einem >Pianoja<, >hmm<, >ok< antworte... Aber auch wenn ich es wirklich versuche ist es schier unmoeglich herauszufinden worueber er eigntlich spricht. Wir ueberqueren eine, huete nicht so ueberfuellte, Innenstadthauptstrasse (via Maquede) und biegen in eine Fussgaengerzone mit vielen Caffees ab. Und tatsaechlich er meinte das dieses Klavier, auf dem abends, wenn die Bar geoeffnet ist, Jazz und Romantisches Musik geklimpert wird. Aber leider hat es kurz vorher geregnet und das Klavier ist abgedeckt. Wir drehen also um, er steckt sich eine neue Zigarette an und denkt nach wo wir sonst noch hin gehen koennten... Und bald laufen wir in die gegengesetzte Richtung, wieder durch die halbe Stadt, immer noch auf der Suche nach einem Klavier, immer noch redet er und ich verstehe kein Wort. Wir laufen Schnell und immer wieder an vielen Leuten und Autos vorbei, und irgendwann denke ich mir schon ok, ich koennte jetzt einfach sagen, das ich nicht mehr will, weil mir das Reden so anstrengend ist... Aber ich bleibe mit ihm. Hier koennte ich versuchen ihn einmal ein Bbischen zu beschreiben: er ist Sizilianer, kurse Haare, dunkelbraune nicht ganz klare Augen, ein Kristenkreuz als Kette um den Hals, ein T-Shirt unter der Jacke und ein Armband mit Bildern von so einem sizilieanischen Papst, wie mann ihn hier ueberall sieht. Wir sind ungefaehr gleich gross. Sein Lachen ist extrem und er lacht oft und hat vorallem immer dann wenn wir zur Musik kommen ein riesen Smile und grosse, strahlende Augen. Er heisst Andrea. Seine Erscheinung, glaube ich, seine alten, abgenutzten Kleider, seine etwas glassigen Augen und das extreme Laecheln, hat mich ein bischen verschlossen gemacht und ich hatte den Bruchteil einer Sekunde den Gedanken, ob ich vieleicht nicht mit kommen sollte. Aber das ist es ja genau was ich hier will: Menschen treffen. Ich bleibe bei ihm und wir verschwinden in einer Seitengasse. Diese steigt ein wenig an und ich kann jetzt Stuecke von seinem Italienisch verstehen und ich hoere heraus, dass die Haeuser hier, auf dem etwas hoeher gelegenen historischen, aber sehr heruntergekommenen Altstadtteil, in Zukunft eine Flut ueberleben werden, wenn das Wasser steigen und Palermo untregehen sollte. Wir biegen einmal noch ab und stehen vor einem sehr alten Haus mit einem grossen, verschlossenen Tor. Er wuehlt in seiner Tasche und zieht einen Schluesselbund heraus und oeffnet die kleine, warscheinlich noch vor hundert Jahren geschneitderte Tuer. Wir beide fedeln uns durch und finden uns in einem alten Treppenhaus wieder, das seit langem unbewohnt zu sein scheint. Wir gehen hoch und nach zwei weiteren Tueren, alle abgeschlossen, sind wir da: >la casa mia<, >My home<. Er hat zwei Wohnungen, und diese hier ist in einem uralten Palermo-Haus, dass er wohl mal renovieren wollte, oder gerade renoviert; auf jeden Fall ist alles voller Schutt und Staub. Wir treten ein. Nur ein einziges licht geht noch, die Waende sind halb geschaelt, halb verputzt, die Fenster verstaubt und es sieht aus wie eine zurueckgelassene Baustelle. An der Aussenwand waecht sogar Farn und die Balcons sind nicht mehr da, und die Fassade hat dieses tuepisch russige Grau von alten grossstadt Gebauden. Hier soll unsere Tour also enden? Innen Ist es kuehl und wenn ich mich so umsehe, koennten das hier einmal wunderscheone Raumlichkeiten werden. Ich glaube er war lang nicht mehr hier: einfach wie er hier ist und wie er sich alles gruendlich anschaut.
Er winkt mir zu, ich solle ihm helfen die Fenster zu oeffnen und die grossen Laeden beiseite zu schieben um ein bischen Licht herein zu lassen. Und dann, im letzten Zimmer, mit den hohen Waenden und besonderen, alt bemalten Deckenleisten, neben einem grossen Haufen Bauabfaollen, in einer Ecke, schwer bedeckt mit Decken und Tepichen, steht ein grosser, schwarzer Fluegel.
Er macht Platz, oeffnet das Klavier und faengt an zu spielen...
Mal poetisch und fein, mal laut und hart, dann trocken und strukturiert... es sind besondere Toene, und hier schwer zu beschreiben, eben die Musik von einem anscheinend grossen Kuenstler. Chopin..., Bach..., Bethoven..., Mozart..., Ravel... Oft hoert er einfach auf, gestikuliert und erklaert, spielt dann eine andere Melodie und ein anderes Werk, unterbricht vor Freude und macht mit Jazz weiter! Ich sitze auf einem elten Regal daneben und kann es kaum aushalten die Lieder nicht zuende zuhoeren! Es sind vorallem die romantischen Stuecke oder Sonaten von Chopin, die er besonders schoen spielt...so fein, kuenstlerisch und genial. Wir haben aber auch einfach viel Spass das hier zusammen zu hoeren und wenn es laut und dramatisch wird strahlen wir beide und lachen laut ueber diese geniale Musik: >Wow!...belissimo!< :-) Und dann hoere ich wieder einfach nur zu.
Es war ein besonderes Konzert! Eine Oper fuer sich:-) Andrea zeigt mir noch mehr von der Wohnung und ich bemerke wie er immer stiller wird und vieleicht traurig, ich schaetze weil er das Haus nicht weiter erneuern kann und jetzt wieder dessen Zustand sehen musste. Mit einem Freund hatte er schon angefangen wunderschoene Teile bemalter Waende freizulegen und die nachher eingebaute Kupeldecke abzureissen und die urspruenglichen Deckenleisten zum Vorschein zu bringen. Wir gehen raus auf die Strasse und er schweigt jetzt. Ich klopfe ihm auf die Schulter und sage danke fuer die Musik auch er bedankt sich und strahlt wieder. Wir haben einen Café zusammen; er zahlt den Café und ich kaufe zwei Schokoeier. Als ich ihm von unserer Youth Conference erzaehle und dass ich mir vorstellen koennte, wie er da ein Konzert gibt, sagt er, dass das moeglich sei (>no problem>), er koennte sogar ein Orchester bringen. Also tauschen wir unsere Kontakte aus um Weiteres dann spaeter zu verabreden. Er begleitet mich noch ein ganzes Stueck auf meinem Heimweg, dann trennen wir uns - beide strahlend und dankbar. Und ich schaue ihm noch nach, Andrea Vizzini, mit seiner alten, grossen Jacke und der Zigarette, zurueck in die Stadt laufend, durch die Strassen Palermos.
Frohe Ostern!
14 April 2009
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